Die BBG ist rennbereit, ready to race.

Eine große Herausforderung, viel Verantwortung und eine tolle Aufgabe für die neue Geschäftsführerin

Das Fortbestehen der rund 125jährigen Bootsbautradition in Berlin-Köpenick ist gesichert. Am Müggelseedamm 70 im Ortsteil Friedrichshagen setzt seit dem 1. März 2016 mit der Bootsmanufaktur Berlin GmbH ein neues Unternehmen die Produktion der insolventen BBG Bootsbau Berlin GmbH am alten Standort fort. Hinter dem neuen Betreiber steht die Schweizer Firma 4row GmbH, die bisher zu den Abnehmern der Köpenicker Bootsbauer gehörte.

Neue Geschäftsführerin ist die 50jährige Anja Schäfer, Bootsbaumeisterin und ehemalige Rennruderin aus dem Ruhrpott, die zuvor in Wien im Bootsgeschäft tätig war. Die renovierten Geschäftsräume im Wassersportzentrum am Ufer der Müggelspree sind noch nicht bezogen, gerade ist das neue Firmenschild eingetroffen, als Anja Schäfer als geschäftsführende Gesellschafterin der BBG Bootsmanufaktur in der zweiten Maihälfte 2016 zum tour‘s-Gespräch Zeit findet.

„Gerade auch die Optik spielt im Sport eine große Rolle. Wir haben jetzt einen moderneren Touch mit anderen Farben in kräftigem Orange zu weißen Booten aus Karbon. Sie werden das demnächst auch in unserem neuen Internetauftritt wiederfinden.

In der Neuproduktion machen wir einen gewissen Spagat zwischen gewohnt super ausgeführter handwerklicher Arbeit von hoher Qualität, ergänzt mit modernen Hightech-Komponenten, liefern also Altbewährtes modernisiert. Wir müssen finanziell relativ viel investieren, um den Schritt in die Zukunft zu schaffen, wobei uns die Schweizer Firma hilft, von der auch ein zweiter Geschäftsführer gestellt wird“, erklärt Anja Schäfer einleitend, während sie das BBG-Schild von der Schutzfolie befreit.

„In Wien erreichte mich die Nachricht von der Insolvenz der großen Traditionsfirma BBG, eine auch für die international bedeutende deutsche Rudernation schlimme Nachricht.

Denn dies hätte für die Verbraucher bedeutet, dass es künftig in Deutschland konkurrenzlos mit absoluter Monopolstellung nur noch einen Rennruderboot-Hersteller in Süddeutschland für die Topspitze gegeben hätte“, erzählt sie weiter. Wie kam es dazu, dass gerade sie zur geschäftsführenden Gesellschafterin der neu gegründeten BBG Bootsmanufaktur wurde?

„Nach dem Konkurs der Vorgängerfirma war es ganz schwierig, jemanden mit dem Fachwissen, dem beruflichen Hintergrund und Kontakten als neuen Geschäftsführer zu finden.

Ich bin dafür angefragt worden, musste mich innerhalb von vier Wochen entscheiden und habe im März hier angefangen. Damit habe ich eine Riesenverantwortung übernommen, zum einen für das Unternehmen, zum anderen natürlich auch für die Beschäftigten. Ich kann viel arbeiten und tüchtig anpacken, habe bis vor einigen Monaten ja selbst in der Werkstatt gearbeitet. Große Herausforderung, große Verantwortung, tolle Aufgabe.“

Dafür ist die Bootsbaumeisterin und frühere Rudersportlerin wirklich bestens qualifiziert. Sie kommt ursprünglich aus dem Ruderleistungssport, war schon sehr jung bei Weltmeisterschaften dabei und saß später zu den Weltmeisterschaften im westdeutschen Ruderachter. 1988 nach den Olympischen Spielen in Seoul beendete sie ihre Leistungssportkarriere. „Da ich eher praktisch und handwerklich veranlagt bin und schon eine Tischlerlehre absolviert hatte, bin ich dann zu einem Ruderbootsbauer nach Zürich gegangen und habe angestellt gearbeitet. 1993 habe ich meinen Meister gemacht und von da an selbstständig als Bootsbauerin gearbeitet mit Tätigkeiten hauptsächlich im Service- und Reparaturbereich. Bootsneubau ist aufwendiger und erfordert größeren finanziellen Aufwand und kam für mich daher nicht so in Frage, zumal ich dann auch Mutter von zwei Kindern wurde. Ich konnte von meiner Arbeit leben, ohne mich in Bankabhängigkeiten begeben zu müssen. Aus familiären Gründen kam dann ein Umzug nach Wien, wo ich 15 Jahre lang gelebt und gearbeitet habe. Meine Kinder sind mittlerweile groß und selbstständig,“ umreißt sie kurz ihren beruflichen Werdegang.

Vorläuferfirma der Bootsmanufaktur war die BBG Bootsbau Berlin GmbH. Sie war neben Empacher am Neckar die größte deutsche Werft für Ruderboote mit langer Bootsbautradition im Südosten Berlins – von der Claus Engelbrecht Werft ab 1890 zur späteren volkseigenen Yachtwerft Berlin zu DDR-Zeiten – mit der Produktion von Kunststoffbooten, die im internationalen Wettkampfsport sehr erfolgreich waren. Nach der Wende ging aus dem VEB Yachtwerft Berlin die BBG Bootsbau GmbH hervor, die jedoch im Januar 2016 Insolvenz anmelden musste.

Mit Wirkung vom 1. März wurden Produktion und Mitarbeiter durch das neu gegründete Unternehmen Bootsmanufaktur Berlin GmbH übernommen, hinter dem eine Schweizer Investorengruppe steht. Die BBG Bootsmanufaktur deckt die gesamte Palette vom Freizeitsport bis zur Topspitze im Hochleistungssport ab und versteht sich als Ansprechpartner für die Vereine. „Damit dieses Marktsegment weiter bedient werden kann, war das Weiterbestehen der BBG ganz wichtig“, erklärt die Geschäftsführerin.

„Wir bieten im Gegensatz zu asiatischen Konkurrenten hier vor Ort unsere Leistungen im direkten Bezug zum Kunden an. Wir arbeiten hauptsächlich für Rudervereine national wie international, wobei wir uns international noch besser aufstellen wollen und müssen, damit wir künftig mit einem Team von 15 Beschäftigten arbeiten können, was wir uns zum Ziel gesetzt haben. Wir bauen neue Sportrennboote vom Einer bis zum Achter, ebenso Boote für den Freizeitbereich, sind aber auch stark im Reparatur- und Servicebereich tätig. Natürlich wäre auch die deutsche Nationalmannschaft ein Abnehmer für uns, die ist jedoch per unbefristetem Vertrag verpflichtet, Boote der anderen deutschen Bootsbaufirma zu nutzen und damit bei internationalen Wettbewerben an den Start zu gehen.“ Solch eine Wettbewerbsverzerrung, die der BBG dieses Segment versperrt, ärgert Anja Schäfer.

„Natürlich wollen wir das künftig verändert sehen. Zunehmend stellen wir uns international auf, verkaufen unsere Boote z. B. nach Dänemark. Aber es ist schon traurig, dass nur ausländische Vereine mit unseren Produkten internationale Wettkämpfe bestreiten. Bisher haben wir über den Spitzensport geredet, aber selbstverständlich kann auch ein privater Freizeitsportler unseren Service nutzen bzw. ein passendes Boot für sein Hobby kaufen. Außerdem: Wir bilden aus und suchen – bitte schreiben Sie das auch – zum Herbst Lehrlinge nach einer zweiwöchigen Probezeit im Praktikum. Unser künftiges Fachpersonal müssen wir selbst heranziehen. Aber auch weitere ausgebildete Bootsbauer, die wirklich etwas können müssen und äußerst genau arbeiten, brauchen wir zusätzlich.“

Die Bootsbaumeisterin arbeitet nicht nur in Berlin-Köpenick, sondern wohnt auch dort, wo es der Neu-Berlinerin, umgeben von Wald, Wasser und viel Natur, sehr gut gefällt. Planung und Management bestimmen ihren jetzigen anspruchsvollen Berufsalltag im Gegensatz zur früheren eigenen handwerklichen Bootsbauarbeit. Gegenwärtig fehlt Anja Schäfer auch zum Rudern die Zeit. Ein bisschen Radfahren und wandern in der schönen Umgebung in Begleitung ihres Hündchens Luna, einem quirligen und verschmusten Terriermix, das immer mit dabei ist, stehen auf ihrem karg bemessenen Freizeitprogramm.

Bericht für das Magazin tour’s von Monika Strukow-Hamel.