Handarbeit: Nach der Insolvenzphase hat sich die Auftragslage überraschend gut entwickelt. Fotos: Kosinski

Orange ist das neue Rot

Im Januar 2016 meldete die Berliner Bootsbau GmbH Insolvenz an. Die Nummer zwei im deutschen Bootsbau stand vor dem Aus. Seit Februar 2016 lenkt Anja Schäfer, Ex-Ruderin und Bootsbaumeisterin, die Geschicke der neuen BBG BootsmanufakturBerlin GmbH. Die Abkürzung BBG ist geblieben, ansonsten soll sich vieles ändern– nur eines nicht: die Qualität der Boote.

Der Neuanfang ist an der Außenwand der Bootshalle zu erkennen. Dunkle Streifen und Bohrlöcher neben der Eingangstür signalisieren: Hier hat viele Jahre lang ein Schild gehangen, das irgendwann in den letzten Monaten abgeschraubt worden ist. Auf der anderen Seite der Eingangstür der Bootswerft direkt am Müggelsee prangt nun ein brandneues Firmenschild mit der Aufschrift „BBG manufactured in Germany – ready to race“. So ganz ready, sprich: fertig ist die neue BBG noch nicht. Wenn man die Büroräume neben den beiden großen Bootshallen betritt, stehen noch einige Umzugskartons herum. Die neue Küche wartet darauf, montiert zu werden –

und deshalb gibt es auch noch keinen Kaffee. Nach dem Motto: „First things first“ – wichtige Sachen zuerst – wurden erst einmal neue Computerhardware angeschafft und der Telefonanbieter gewechselt. Denn der alte hatte die BBG ausgerechnet in der Insolvenzphase im Stich gelassen. „Eine Insolvenz ist nie ganz leicht“, versichert die neue Geschäftsführerin Anja Schäfer, „doch wenn das Telefon nicht mehr funktioniert, denken alle, die Firma gibt es nicht mehr.“ Dieser Zustand war nach kurzer Zeit überwunden, und die BBG hat es während der vergangenen 126 Jahre ununterbrochen gegeben. Doch die Geschichte der Berliner Bootswerft ist schillernd, nicht erst seit diesem Jahr.

Elegante Sportboote
Im Jahre 1890 gründete der Schiffs- und Bootsbauer Claus Engelbrecht in Zeuthen östlich von Berlin die Claus-Engelbrecht-Werft, die sich von Anfang an auf die Produktion eleganter Sportboote spezialisierte. Schon 1903 wurden dort motorisierte Boote mit 2 bis 3 PS-Motoren von Daimler produziert. 1911 verkaufte Engelbrecht die Werft, um sich dem Luxusleben der Weimarer Republik hinzugeben.

„Die BBG besitzt viel Sympathie – und daran wollen wir anknüpfen.“

Doch dieser Ausstieg ging schief. Die Inflation entwertete sein Vermögen, und Engelbrecht arbeitete später wieder in der Werft seiner beiden Söhne. Bei einem Brand 1939 wurde dann neben den Gebäuden auch ein 40 Quadratmeter-Seefahrtkreuzer von den Flammen zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Werft zunächst Schuhe aus Kunststoff hergestellt, der Bootsbau wurde erst 1949 wieder aufgenommen und der heutige Standort am Müggelsee bezogen. Während der DDR-Zeit firmierte die Werft zum Volkseigenen Berieb unter dem Namen VEB Yachtwerft Berlin. Neben Fischereifahrzeugen, Schleppbarkassen, Feuerlöschbooten, Eisbrecher- und Torpedobooten wurden auch Segelyachten, Kanus und Ruderboote angefertigt. Einen Durchbruch im Ruderbootsbau erlebte die Werft Anfang der 70er Jahre durch den Bau der Komposit-Boote – Holzgerüste, die mit einer Kunststoffaußenhaut überzogen wurden. Die Nationalmannschaften der DDR und anderer Ostblockländer wurden mit diesem Bootstyp beliefert. 1976 saßen neun von 13 Olympiasiegern in Montreal in Booten der BBG, so dass sich auch das westliche, nicht-sozialistische Ausland für die Boote zu interessieren begann. Bis 1990 wurden am Müggelsee über 15.000 Ruderboote gebaut. Nach der Wende wurde der VEB-Betrieb mehrfach aufgespalten. Die BBG Bootsbau Berlin GmbH blieb am Müggelsee –  spezialisiert auf Ruderboote, vom Renneiner bis zum Gigboot. Das traditionelle Grau der Bootskörper wich dem allseits bekannten Rot, die Werft erarbeitete sich im gesamtdeutschen Rudermarkt eine Spitzenposition. Doch irgendetwas lief schief in den Folgejahren. Zum Jahresbeginn 2016 rutschte die BBG in die Insolvenz.

Thorsten Wenzel arbeitet bereits seit 1996 in der Berliner Werft und hat die Abwärtsentwicklung miterlebt: „Es war ein langsamer Prozess. Selbst 2015 hatten wir viel Arbeit, doch ein Minus in der Kasse.“ Das Ausscheiden der langjährigen Verkaufsleiterin Heike Hoffmann war so etwas wie der Dammbruch in der Krise. Sie galt lange Jahre als Seele und als Gesicht der Bootsbaufirma, viele persönliche Kontakte drohten, verloren zu gehen.

Optimierte Arbeitsprozesse
In dieser Situation des personellen und finanziellen Engpasses trat Anja Schäfer auf den Plan. „Als ich von der Situation erfuhr, habe ich meine Sachen gepackt und bin von Wien nach Berlin gezogen“, sagt die gelernte Bootsbaumeisterin, die früher leistungsmäßig bei Deutschen und Weltmeisterschaften gerudert und bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul im Achter gestartet ist. Wettkämpfe ist die dynamische Frau aus Rauxel von Kindesbeinen an gewohnt. 1993 hat die gelernte Tischlerin ihre Ausbildung zur Bootsbauermeisterin abgeschlossen, anschließend in Bochum und seit 2001 in Wien gearbeitet. Dort erreichte sie auch der Anruf des BBG-Mitgesellschafters Martin „Stromi“ Strohmenger, der ihr die Geschäftsführung anvertrauen wollte. Im laufenden Insolvenzverfahren gab es daneben noch eine Investorengruppe um das Schweizer Onlineruderportal 4row.com. Der eine Bewerber hatte das Geld, der andere die neue Geschäftsführerin. Der  Anfang  war  nicht  ganz  einfach: „Der Insolvenzverwalter hat uns begrüßt und ist dann gegangen“, erinnert sich Anja Schäfer an ihren ersten Arbeitstag.

Das war ein Sprung ins kalte Wasser für sie und  Thorsten Wenzel, der als Bootsbaumeister an Bord blieb. „Die Mitarbeiter wollten wissen, wie es weitergeht, doch  ich  musste  mir selbst  erst einen  Überblick  verschaffen. “ Also krempelte die Frau mit der markanten  blauen  Brille  die Ärmel hoch und  begann  mit  der Arbeit: Behördengänge, Mitarbeitergespräche,  Lager- und Sortimentsbestände überprüfen, Investitionspläne aufstellen, Sekretariat und  Mailverkehr zurückverwalten.  „Die  erste  Zeit war wackelig“, erinnert sich Anja Schäfer, „doch die Gehälter waren erst einmal sicher.  Und:  Ich  war überrascht,  wie wohlwollend  die Kunden  uns  gegenüber waren. Die BBG besitzt viel Sympathie, und daran wollen wir anknüpfen.“ Wie das geschehen soll, darüber hat  die  Werftenleiterin  ebenfalls schon konkrete Vorstellungen. Der gesamte  Produktionsprozess vom Einkauf bis zur Auslieferung soll auf den Prüfstand gestellt werden. Dafür war in der Vergangenheit offenbar zu wenig Zeit.  Bei  der Modernisierung sollen  zwei Ziele verfolgt werden: Erstens sollen die Produktionskosten sinken, damit die Verkaufspreise stabil bleiben können. Zweitens  soll die Angebotspalette gestrafft werden. „Man muss nicht  in allen Produktbereichen mehrere Lösungen anbieten“, lautet ihr aktuelles Fazit. Das Gute erhalten und das weniger Gute verbessern, heißt die Vorgabe,  mit  der  die Arbeitsprozesse optimiert werden sollen. Am Ende rauften sich beide Parteien zusammen, um das Überleben der Traditionsfirma zu sichern. Seitdem läuft das Projekt BBG auf neuen Schienen und unter neuem Namen: Bootsmanufaktur Berlin GmbH.

BBG-Geschäftsführerin Anja Schäfer und Bootsbaumeister Thorsten Wenzel blicken optimistisch in die Zukunft der Bootsmanufaktur Berlin.

Energie und Vitalität
Auch die Kunden dürfen sich auf positive Neuerungen einstellen. Künftig werden sämtliche BBG-Boote mit Flügelauslegern ausgestattet, neue Bootsformen sollen mehr Platz für den Ruderer im Boot schaffen und das Stemmbrett soll variabler werden. Auch das Design wird sich ändern: Statt Rot werden die neuen Boote in Orange erstrahlen – nicht flächig, sondern in diskreten schmalen Streifen. „Orange steht für Energie und Vitalität“, begründet Schäfer den Farbwechsel, der auch gleichzeitig einen Imagewandel einleiten soll: Weg vom betulichen Ex-DDR-Hersteller hin zum Qualitätsprodukt „Made in Germany“. Der Name Bootsmanufaktur wurde ganz bewusst gewählt. BBG-Boote sind keine Massenware, sondern Handarbeit. Damit will man sich gezielt von den Chinesen absetzen, die den Markt mit Konfektionsware beliefern. In Berlin dagegen wird alles bis auf die Beschläge selbst hergestellt. In der firmeneigenen Metallwerkstatt werden die Ausleger produziert. Über die eingravierte Baunummer lassen sich innerhalb kürzester Zeit baugleiche Ersatzausleger nachbestellen.

Der Wettbewerb ist hart
„Unsere Boote haben im Markt einen guten Ruf“, hat Anja Schäfer festgestellt, „diesen müssen wir halten und festigen.“ Das Wort Insolvenz hat viele potenzielle Neukunden, aber auch Altkunden verschreckt. „Die Phase liegt inzwischen hinter uns, wir haben ganz normale Lieferfristen und Lieferbedingungen. Wer bei uns bestellt, bekommt auch sein Boot“, erklärt die Geschäftsführerin. „Wir sind ein Unternehmen, das in Deutschland produziert – das bedeutet Qualität, aber auch höhere Kosten.“ Anja Schäfer baut darauf, dass die Käufer dies anerkennen und auch bereit sind, nicht einfach das billigste Boot zu kaufen, sondern das, das nach individuellen Vorgaben gefertigt wird und für das jederzeit Ersatzteile erhältlich sind. Obwohl die Werft fast sämtliche Bootsklassen und -typen im Programm führt, ist der Wettbewerb hart. Der Zugang zum Spitzensportbereich bleibt den Berlinern vorerst verstellt. 2013 hat der Deutsche Ruderverband einen Ausrüstervertrag geschlossen, in dem sich der DRV verpflichtet, seine Nationalmannschaften grundsätzlich in Empacher Booten starten zu lassen.

„Da setzen wir auf den Trend des bewussten Kunden. Denn Ökologie und Nachhaltigkeit predigen, aber in Fernost kaufen, passt eigentlich nicht zusammen“, bringt sie das Thema auf den Punkt. Mit neun Jahren hat Anja Schäfer zu rudern begonnen, war Rennruderin und Olympiateilnehmerin, hat gelernt, Boote zu bauen und führt nun eine Bootswerft in eine neue Zukunft. Für die resolute 50-Jährige fügt sich nun alles zusammen. Die neue Aufgabe macht ihr sichtbar Spaß. „Ich kann mein ganzes Wissen einbauen und alles neu vernetzen“, sagt sie, aber das Ganze ist kein Spiel.“ Eine Zukunft ohne die BBG mag sie sich nicht vorstellen – weder für sich noch für die deutsche Ruderszene. Das Rennen um eine sichere Zukunft hat die Bootsmanufaktur Berlin im Februar aufgenommen, doch noch ist das Rennen nicht gelaufen. „Ready to race“, der Slogan gilt nicht nur für die BBG-Boote, sondern auch für die BBG selbst.